Chronik

Familie Anton Schiff

 Rheinstraße 38

Anton Schiff
Selma Schiff (geb. Lazarus)
Alfred  Schiff
Johanna Schiff

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Anton Schiff wurde am 14.02.1875 in Ortenberg/Wetteraukreis geboren.
Er erlernte den Beruf des Schuhmachers und legte auch seine Meisterprüfung ab.

Am 27. Mai 1901 heiratete er in Langen Selma Lazarus und übernahm am 1. Juni desselben Jahres das Schuhgeschäft seines Schwiegervaters Moses Lazarus. Er verkaufte nun seine Schuhe und bildete auch Lehrlinge aus. 1906 beispielsweise bestand Wilhelm Clubberg seine Gesellenprüfung mit der Note Gut.

Am ersten Weltkrieg nahm er als Soldat teil.

 

Selma Lazarus wurde als 2. von 5 Kindern am 12. März 1874 in Langen geboren. Ihre Eltern waren Moses Lazarus und seine Ehefrau Johanna geborene May. Sie unterhielten ein Trikotwarengeschäft in der Rheinstr. 6.

 

Seit November 1914 betrieb Anton Schiff sein Schuhgeschäft im eigenen Haus in der Rheinstr. 38.
Seine Frau führte das Schuhwarengeschäft während des Krieges fort. Anton beteiligte sich wie viele seiner Mitbürger auch an der Kriegsfürsorge-Sammlung der israelitischen Religionsgemeinschaft in Langen.

 

Am 14. Mai 1936 musste er infolge der Judendiskriminierung das Geschäft aufgeben und weit unter Wert verkaufen. Die Firma wurde  „arisiert“ und an Christoph und Barbara Eisenbach abgetreten.

Die Familie zog nach Frankfurt, erst in die Stalburgstr. 6, dann in den Oeder Weg 52 (Wohnung und Geschäft). Dort versuchte Anton Schiff erneut eine Schuhwerkstatt aufzubauen. Das kleine Geschäft wurde während des November-Pogroms 1938 von Nazis attackiert. Anton Schiff musste dem Hauseigentümer die entstandenen Schäden ersetzen.

Eine Augenzeugin berichtete:

„Als am 9. November der Zerstörungstrupp die Straße herunter kam, ließ der Eigentümer des Hauses, Herr Fleck, den Schaufensterrolladen herunter und versteckte Anton Schiff. Die Plünderer haben aber den Rolladen hochgedrückt und die Schaufensterscheibe eingeschlagen.
Sie haben in der Wohnung meiner Eltern auch Herrn Schiff gesucht, diesen aber nicht gefunden. Die Schuhreparaturwerkstätte selbst und das Lager sind damals nicht geplündert worden. Ich weiß aber, daß Herr Schiff die Schaufensterscheibe hat ersetzen müssen und dafür einen Betrag von ca. 500,--RM gezahlt hat. Die Schustermaschine, das Schusterzubehör und das Leder sind von Herrn Schiff später nach und nach verkauft bzw. eingetauscht worden. Soviel ich weiß, ist im Zeitpunkt der Deportation der Eheleute davon nichts mehr vorhanden gewesen.“

Frau Fleck besuchte die Familie Schiff auch später noch und brachte ihnen Lebensmittel.

Die Firma wurde zum 11. Januar 1939 abgemeldet. Allein bei der Veräußerung des Warenlagers erlitt Anton Schiff einen Verlust von 5000 RM. Zwangsweise musste Anton Schiff die „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 1.750 Reichsmark entrichten. Zuletzt lebten die Familie in einer Vier-Zimmer-Wohnung im Mittelweg 46.

Seit dem 1. 1. 1939 musste Selma – wie alle jüdischen Frauen - den Zusatz "Sara" als zweiten Namen führen.

Selma Schiff wurde am 22. November 1941 im Alter von 67 Jahren zusammen mit ihrem 66-jährigen Ehemann Anton bei der dritten großen Deportation aus Frankfurt verschleppt. Laut Deportationsliste sollte der Transport nach Riga gehen, das bislang irrtümlich als Sterbeort galt und deshalb auch auf dem Namensfries der Gedenkstätte „Neuer Börneplatz“ aufgeführt ist. Der Transport erreichte jedoch seinen ursprünglichen Bestimmungsort nicht und wurde wegen Überfüllung des dortigen Ghettos nach Kowno (Kaunas, Litauen) umgeleitet, wo die Frankfurter Verschleppten, darunter wahrscheinlich auch Familie Schiff, am 25. November 1941 ausnahmslos ermordet wurden. Das Todesdatum für das Ehepaar Schiff wurde auf den 9. Mai 1945  festgesetzt.

Das Ehepaar hatte 3 Kinder - Paula, Alfred und Johanna.

 

 

 

Paula Schiff wurde am 19. Juni 1902 in Langen geboren. Sie erlernte den Beruf der Kontoristin und lebte mit den Eltern in der Rheinstraße 38.

Die 23 Jahre alte Tochter wurde in der Nacht plötzlich krank. Nach Frankfurt ins Hospital gebracht, starb sie am Sonntag, dem 13. September 1925, in der Blüte ihrer Jahre an Gehirngrippe.

   

Alfred  Schiff und seine Zwillingsschwester Johanna Schiff kamen am 25. Mai 1908 zur Welt. Beide meldeten sich gemeinsam mit den Eltern nach Frankfurt ab.

1939 wanderte Alfred nach USA aus und lebte in New York. 1983 besuchte er auf Einladung der Stadt Langen noch einmal seine Heimatstadt.
Er starb am 5. Januar 1994 in Fulton/Atlanta.

 

Johanna besaß keinerlei Vermögen und lebte bei ihren Eltern in der Wohnung.

"Am 25.Sept. 1940 wurden 125 jüdische Patienten aus Anstalten und Einrichtungen in Herborn, Merxhausen, Haina, Marburg, Hadamar, Marsberg, Eickelborn, Neu-Berich/Arolsen und Gießen gewaltsam in die Giessener Heil- und Pflegeanstalt gebracht. Diese diente als Sammelanstalt. Wenige Tage später wurden diese Patienten in die Tötungsanstalt Brandenburg transportiert und dort am 1. Oktober 1940 durch Gas ermordet.

Ab Ende Februar/Anfang März 1941, also 6 Monate nach der (geheim gehaltenen) Tötung, trafen bei den Kostenträgern der Patienten Briefe aus der „Irrenanstalt Cholm, Post Lublin (Polen)“ ein (Tarnadresse), die den „natürlichen Tod“ bescheinigten und um Kostenübernahme – incl. der Kosten für die Einäscherung -  baten. Diesen Briefen waren die Sterbeurkunden zur Weiterleitung an die Angehörigen beigelegt.

Unter den 126 Patienten befand sich auch:

Schiff, Martha, * 25.05.1908 in Langen, zuletzt wohnhaft in Frankfurt. Hier handelt es sich offensichtlich um Johanna Schiff, Tochter des Schumachers Schiff aus der Rheinstraße. Wieso der Name Martha verwendet wurde ist unklar; das Geburtsdatum stimmt überein. Johanna soll am 05.03.1941 gestorben sein; dies wäre das damals als offiziell ausgegebene (falsche) Todesdatum.
Martha wurde aus der Heil- und Pflegeanstalt Herborn nach Gießen verlegt. Seit wann und weshalb sie dort war ist unbekannt."

Artikel von Monica Kingreen von 2003 in dem Buch: Psychiatrie in Gießen.

 

 

 

So begründeten die Nazis ihr "Euthanasie-Programm"