Chronik

Familie Siegmund Neu

Wallstraße 11

Siegmund Neu
Jenny Neu (geb. Grünebaum)
Manfred Neu
Max Neu

 

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Siegmund Neu wurde am 3. April 1876 in Messel geboren. Er war der Sohn von Moses Neu III. und dessen Ehefrau Ella geborene Eulau.

Siegmund Neu erlernte nach Beendigung seiner Schulausbildung den Beruf des Lederkaufmannes und trat anschließend in den Ledergroßhandel seines Vaters ein. Nach dem Tode seines Vaters im Jahr 1891 übernahm er die Firma, zunächst noch in Messel; seit dem 4. September 1895 führte er es in Langen, wo er zusammen mit seiner verwitweten Mutter Ella Neu in der Wallstraße 11 wohnte. Am 16. Januar 1909 eröffnete er zusätzlich noch einen Viehhandel.

Siegmund Neu betrieb einen florierenden Ledergroßhandel und belieferte vorwiegend Schuhmacher mit ihrem Arbeitsmaterial. Dies war ein angesehenes Geschäft mit großem Kundenstamm weit über Langen hinaus. Manfred Neu erinnert sich (1958):

Ich schätze das Einkommen meines Vaters auf RM 12 – 15.000 jährlich, und ich weiß bestimmt, daß er die höchsten jüdischen Steuern in Langen bezahlt hat.“ (Aus den Entschädigungsakten)

Siegmund Neu erlernte nach Beendigung seiner Schulausbildung den Beruf des Lederkaufmannes und trat anschließend in den Ledergroßhandel seines Vaters ein. Später übernahm er das Geschäft.

 

 

 

 

Seine Ehefrau Jenny Grünebaum wurde am 18. Januar 1882 in Dreieichenhain geboren. Sie war die Tochter des Metzgers Jacob Grünebaum und seiner Ehefrau Fanny, geborene Stern.

   

Am 1. Oktober 1905 wurden in Langen die Söhne Manfred und Max geboren.

Am ersten Weltkrieg nimmt Siegmund Neu als Landsturmmann teil und muss sein Vaterland auch in Rußland verteidigen.

   

Im Langener Wochenblatt vom 24.12.1915 wird ein Brief von ihm veröffentlicht:

Grüße aus der Ferne:
Landsturmmann Sigmund Neu
Es ist bekannt bei Weib und Kind
das Landsturmleut sehr nützlich sind...
Da sagt der Neu, der Siegismund
Jetzt wird`s mir aber bald zu bunt,
mer hört und sieht nix von zu Haus,
da geht am die Geduld bald aus.
Mer waaß net was die Kühe koste,
steht immer nur so uff seim Poste,
und was sunst noch dahaam vorkimmt,
des wüßt man heut, des is bestimmt,
denn jeder brave Bürger hat
sein schönes Langener Wochenblatt.
10.5.1915
   

Im Verzeichnis der aus Rußland, Polen und der Ukraine entlassenen Mannschaften von 1919 wird als Tag der Entlassung von Siegmund Neu der 29.11.1918 angegeben.

Nach Kriegsende meldete er am 7.3.1919 erneut einen Ledergroßhandel in Langen an.

Die Familie scheint wohlhabend gewesen zu sein. 1931 ist Elise Hosp als Hausangestellte für die Familie Neu gemeldet. Seit 1925 besaß er auch einen Telefonanschluß.

Mit dem Judenboykott im April 1933 ging das Geschäft zurück. In einem kleinen Ort wie Langen wusste man natürlich, dass Siegmund Neu jüdisch war, deshalb zogen sich die Kunden mehr und mehr zurück, da sie Angst hatten, bei einem Juden zu kaufen. Da es üblich war, den Schuhmachern auf dem Lande sehr viel Leder auf Kredit zu geben und die Außenstände etwa erst nach einem Jahr bezahlt wurden, hatte sich Siegmund darauf konzentriert, die Außenstände einzutreiben. Dies ist ihm aber in vielen Fällen nicht gelungen, da sich die Schuhmacher weigerten, ihm seine Schulden zu bezahlen. Seine Kunden haben die Lage ausgenutzt und die Außenstände bestanden schließlich nur noch auf Papier, ohne dass ein Pfennig eingegangen war.

Laut Vermögenserklärung in der Devisenakte vom 4. Juli 1938 führte Siegmund Neu nicht mehr eintreibbare Außenstände in der Höhe von 9.320 Reichsmark auf. Am 3. September 1938 musste Siegmund Neu sein Geschäft aufgeben. Der Gewerbeertrag, der 1931 noch bei 4000 RM gelegen hatte (Steuermessbetrag zur Gewerbesteuer, lt. Magistrat der Stadt Langen), betrug 1934 nur noch 1000 RM und reduzierte sich 1938 auf gerade noch 100 RM, 1/40 des Einkommens vor der Nazi-Zeit.

Die Eheleute Siegmund und Jenny Neu waren Eigentümer des Grundstücks Wallstraße 11 in Langen, das nun im Juni 1938 an die Eheleute Joseph und Friederike Kieslich verkauft werden musste.

Am 6.9.1938 zogen Siegmund und Jenny Neu nach Frankfurt in die Niddastraße 46.
Zwangsweise mussten sie eine "Judenvermögensabgabe" in Höhe von 11.150 Reichsmark entrichten. Schließlich mussten sie einen erzwungenen Abschluss eines "Heimeinkaufvertrags" über 14.856 Reichsmark tätigen. Den Unterzeichneten solcher Verträge wurde vorgegaukelt, sie finanzierten damit ihren Lebensabend in einem Altersheim.

Gemeinsam mit seiner 60jährigen Ehefrau Jenny wurde Siegmund Neu wurde am 1. September 1942 im Alter von 66 Jahren bei der achten großen Deportation in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo beide nach anderthalb Jahren ums Leben kamen.

Jenny Neu starb am 17. Februar 1944, ihr Ehemann starb wenige Tage später am 21. Februar.

 

Manfred Neu besuchte von 1912 bis 1920 die Realschule in Langen.
Bis 1922 absolvierte er eine kaufmännische Lehre bei der Firma A. M. Schiff, Lederengrosgeschäft, Frankfurt, Taunustraße, Am Bahnhofsplatz.
Nach seiner Ausbildung arbeitete er als Reisender für die Firma Albert Kaufmann, Schuh-warengroßhandel in Frankfurt. Dort erwarb er sich einen großen Kundenkreis und war bei seinem Chef sowie bei seiner Kundschaft sehr beliebt.

Da er keine Erwerbsmöglichkeit als Jude im Nazi-Deutschland hatte und die Verhältnisse von Tag zu Tag schlimmer wurden, entschloss er sich zur Auswanderung. Am 6.6.1933 verließ Manfred Neu Langen und zog zunächst nach Frankfurt. Im Juni 1938 emigrierte er mit der „SS. Manhattan“ der United States Line von Hamburg nach New York. Für die Schiffskarte inklusive Bordgeld musste er 750 RM bezahlen. Zuvor hatte er schon Ausgaben in Höhe von 250 RM für eine Fahrt nach Stuttgart zwecks Erlangung des Amerikanischen Visums sowie für die Fahrt zum Seehafen Hamburg.

Da er der englischen Sprache nicht mächtig war, nahm er jede Arbeit an, die sich ihm bot, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Zunächst ging er mit Bürobedarfsartikeln hausieren.

In der Zeit von September 1942 bis Dezember 1944 war er zum Dienst in der amerikanischen Armee verpflichtet. Nach seiner Entlassung aus der Armee arbeitete er als kaufmännischer Angestellter in untergeordneter Stellung. Eine so gute Position wie in Deutschland hat er nicht wieder gefunden.

Manfred Neu starb am 18. Januar 1994 in New York.

   

Max Neu besuchte in Langen die Realschule und war nach einer kaufmännischen Lehrzeit in der Lederwarenhandlung seines Vaters tätig. Er lebte im Haus seiner Eltern und erhielt kein festes Gehalt. Am Ende jedes Jahres bekam er einige tausend Mark auf ein Bankkonto eingezahlt. Vor seiner Auswanderung im Sommer 1936 belief sich die Summe dieses Kontos auf 15.000 RM.

Im September 1935 wurde Max verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, er habe sich des Vergehens der „Rassenschande“ schuldig gemacht, indem er ein Verhältnis zu der im elterlichen Haushalt beschäftigten nichtjüdischen Hausangestellten gehabt habe. Ohne Prozess und ohne Urteil blieb er von September 1935 bis 27. März 1936 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert (Häftlingsnummer 8359). Auch die damals 20jährige Hausangestellte wurde ver-haftet und bis Januar 1936 im Konzentrationslager Moringen gefangen gehalten.
Max Neu wurde vor seiner Entlassung genötigt, eine Erklärung abzugeben, dass er nicht beabsichtige, die junge Frau zu heiraten.

Kurz nach seiner Entlassung, am 18. Mai 1936, heiratete Max die zu dieser Zeit in Berlin-Wilmersdorf lebende Hildegard Weiß (*3.9.1914 in Frankfurt/M.). Er emigrierte im Juli 1936 mit seiner Ehefrau von Hamburg aus in die USA.

Dort bekamen sie zwei Töchter Evelyn (* 13. Mai 1942 in New York) und Marian (* 1. August 1943 in New York).

Max Neu starb 47jährig am 7. April 1952 in New York.