Deportationsort Raasiku (Estland)

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Estland wurde im Sommer 1941 von deutschen Truppen besetzt. Schätzungsweise konnten drei Viertel der estnischen Juden nach Finnland oder in die Sowjetunion fliehen. Zurück blieben nur ca. 1.000, die bis zum Ende des Jahres ermordet wurden: Am 15. Dezember 1941 wurde Estland amtlich für "judenfrei" erklärt. 

Während die deutsche Wehrmacht fast 900 Tage lang Leningrad belagerte, fehlten trotz der Einführung einer Arbeitspflicht für die Esten Arbeitskräfte zum Straßen- und Eisenbahnbau und zur Ausbeutung der estnischen Rohstoffe. Zunächst wurden Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit herangezogen, spätestens seit dem Spätsommer 1942 wurden zusätzlich in sogenannten "Judentransporten" jüdische Häftlinge als potenzielle Zwangsarbeiter nach Estland gebracht. 

Am 5. September 1942 erreichte ein Transport aus dem Ghetto Theresienstadt, der ursprünglich nach Riga hatte gehen sollen, nach fünf Tagen Fahrt den Bahnhof von Raasiku (rund 20 km vor Tallinn). Am Bahnhof fand die Selektion der ca. 1.500 jüdischen Gefangenen statt. Nur ein Bruchteil wurde zur Arbeit selektiert, die übrigen Männer, Frauen und Kinder wurden sofort mit Bussen nach Kalevi-Liiva, ein Sand- und Waldgebiet im heutigen Dorf Jägala, gefahren, wo sie Kleidung und Wertsachen abgeben mussten, bevor sie erschossen und in zuvor ausgehobenen Massengräbern verscharrt wurden. Die Überlebenden mussten in der Nähe das Lager Jägala/Kalevi-Liiva errichten. Ende September traf aus Berlin ein weiterer Transport ein.

Ca. 1.000 der 1.250 Deportierten wurden sofort ermordet. Bis zum Spätsommer 1943 wurden in Kalevi-Liiva wahrscheinlich zwischen 2.000 und 5.000 Menschen – Juden, aber auch Sinti und Roma und andere – erschossen. Die meisten der Opfer stammten vermutlich aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen. 

Diejenigen Deportierten, die nicht sofort ermordet wurden, kamen mehrheitlich später in den Lagern um. Noch im Herbst 1943 wurde ein Konzentrationslager in Vaivera errichtet, welchem zahlreiche Außenlager angeschlossen waren. In der Gegend um Tallinn gab es außer Jägala noch die Lager Klooga und Lagedi.

Im Februar 1944 wurde mit der Räumung der Lager begonnen. Ein Großteil der Häftlinge sollte per Schiff von Tallinn in das bei Danzig gelegene Konzentrationslager Stutthof überführt werden. Es fanden jedoch auch Erschießungsaktionen und andere Massenmordaktionen statt. Da die Lagerverwaltung auf Geheimhaltung Wert legte, ließen sich später jedoch kaum Zahlen und Orte rekonstruieren. Die Gesamtzahl der Holocaust-Opfer in Estland ist nicht bekannt.

Quellen: