Ghetto Theresienstadt

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Theresienstadt (etwa 60 km nördlich von Prag gelegen) wurde Ende des 18. Jh. als Festungsanlage vom österreichischen Kaiser Joseph II. erbaut. Die Anlage bestand aus der „Kleinen Festung“ und der „Garnisonsstadt“. Während des 2. Weltkriegs nutzten die Nazis ab 1940 die “Kleine Festung“ als Gestapogefängnis. Die „Garnisonsstadt“ wurde 1941 zum Durchgangslager zunächst für die jüdische Bevölkerung Böhmens und Mährens, nach der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 auch für vorwiegend alte und prominente Juden aus Deutschland und anderen Ländern.

Obwohl die Zustände in Theresienstadt besser waren als in den Ghettos im Osten und in den Konzentrationslagern, mussten die Bewohner um ihr Überleben kämpfen. Die Jüdische Selbstverwaltung, die für die Wohnraumzuteilung, Wasserversorgung, Ernährung und das Gesundheitswesen zuständig war, stand vor großen Schwierigkeiten. Die (Massen-)Unterkünfte waren überfüllt und kalt, es herrschten Unterernährung, schlechte hygienische Zustände und eine mangelhafte Gesundheitsversorgung.

Die Ghetto-Bevölkerung setzte sich aus unterschiedlichsten Gruppen zusammen: Glaubensjuden und Konvertierte, Zionisten und Kommunisten aus Böhmen und Mähren, Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Polen, Ungarn und Dänemark. Einer der prominenten Bewohner des Ghettos war Leo Baeck, Rabbiner und Gelehrter aus Berlin.

Im Ghetto gab es dank einer großen Zahl von Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern ein reges kulturelles Leben: Konzerte, Theateraufführungen, Kabarett, Lesungen und Gelehrtenvorträge. In den Kinder- und Jugendheimen wurde illegal Unterricht erteilt, an Samstagen und Feiertagen gab es Gottesdienste und Predigten.

Von 1941 bis Kriegsende wurden 141.000 Menschen nach Theresienstadt deportiert (darunter fast die gesamte jüdische Bevölkerung des „Protektorats“ Böhmen und Mähren: 73.500 Menschen). Den knapp 43.000 deutschen und österreichischen Juden, die nach Theresienstadt gebracht wurden, hatten die Nazis ein geruhsames Altersdomizil versprochen und „Heimeinkaufsverträge“ abgeschlossen. Ab Januar 1942 bis Oktober 1944 verließen Transporte das Lager Richtung Osten.

Als im Oktober 1943 etwa 450 dänische Juden nach Theresienstadt gebracht wurden, verlangte die dänische Regierung die Genehmigung, diese dort aufsuchen zu dürfen. Der verantwortliche SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann gab dieser Forderung schließlich nach und erlaubte Repräsentanten des Dänischen und des Internationalen Roten Kreuzes einen Besuch im folgenden Jahr. Um das Ghetto als angenehmen Lebensort vorzeigbar zu machen, wurde Ende 1943 mit einer Stadtverschönerungsaktion begonnen. Die Ghetto-Bewohner mussten die Häuserfronten streichen, Straßen säubern, Blumenbeete anlegen, einen Spielplatz und einen Musikpavillon bauen. Die Geschäfte wurden mit Waren gefüllt, ein Café, eine Bank und ein Gemeinschaftshaus mit Bühne, Betstube und Bibliothek wurden eingerichtet. Es wurde sogar die Kinderoper „Brundibár“ von Hans Krása einstudiert und aufgeführt. Um den Eindruck der Überbevölkerung zu vermeiden, wurden im Mai 1944 7.500 Personen nach Auschwitz geschickt. Am 23. Juni 1944 besuchte schließlich eine Delegation des Roten Kreuz das Ghetto und ließ sich von den scheinbar guten Zuständen so weit täuschen, dass sie davon absah, weitere Lager zu inspizieren.

Anschließend an den Besuch drehten die Nazis von August bis September 1944 einen Propagandafilm über die angeblich guten Lebensverhältnisse im hergerichteten Ghetto. Von diesem blieben nur Teile erhalten, die unter dem inoffiziellen Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ bekannt wurden.

Trotz des zunächst guten Eindrucks verhandelte das Rote Kreuz mit der SS darüber, Juden aus Theresienstadt in neutrale Länder bringen zu dürfen. Am 5. Februar 1945 konnten schließlich 1.200 Juden in die Schweiz ausreisen, am 15. April wurden die verbliebenen dänischen Juden nach Schweden entlassen. Ende April nahm das Rote Kreuz Theresienstadt unter seinen Schutz und befreite das Ghetto somit, bevor es am 8. Mai von der Roten Armee übernommen wurde.

Etwa 33.500 Menschen starben im Theresienstädter Ghetto, fast 90.000 wurden weiter nach Osten (Auschwitz, Treblinka) transportiert, wo nur wenige Tausend am Leben blieben.

Quellen:

  • Wolf Murmelstein: Theresienstadt – Die Sonderstellung von Eichmanns "Musterghetto", Shoa.de (http://www.shoa.de/content/view/248/231/)
  • Wikipedia-Artikel „KZ Theresienstadt“ (http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt)
  • Andreas Wiedemann: Die Deportation und Ermordung der Juden in den böhmischen Ländern. Radio Praha, 02.12.2006. (http://www.radio.cz/de/aktuell/geschichte)